Dr. Loveley meets Dr. Strangelove
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VON M.A. MATTHIAS SCHÖNEBÄUMER.
Einführung zur Ausstellung „ Ja. Ich liebe Fotografie“ in der Galerie Artists Unlimited, 2006.
In der hier gezeigten Ausstellung „Ja. Ich liebe Fotografie“ von Philipp Dorl nimmt
das Werk Telegramm für Dr. Loveley einen besonderen Stellenwert zwischen „[...] (Dorl)
angedeuteter Narration und filmischer Stimmungsverdichtung” ein. Dorl nennt seine
Bezugspunkte: seine Referenzen reichen von Filmen wie der japanischen Film-Noir-Groteske
Tokyo Drifter oder dem seltsam missratene Purple Noon-Remake Der Talentierte
Mr. Ripley, über literarische Bezüge von Klaus Mann, bis hin zu J.D. Salingers Erzählung
Die blaue Periode des Herrn De Daumier-Smith.
Während dieser Referenzrahmen medial umspannend angelegt ist, so lässt sich doch sehr
schnell ein zentrales Motiv herausarbeiten, dass sich in Dorls Telegramm für Dr. Loveley
abzeichnet: im Mittelpunkt aller genannten Werke steht die zeitweise Negierung von
Identitäten, der Tausch von scheinbar Unaustauschbarem und eben auch die unaufhaltsame
Enttarnung, der sichere Weg ins Scheitern.
Im Mittelpunkt (aber wiederum nicht zentral positioniert, als beiläufige Fußnote) von
Telegramm für Dr. Loveley steht zunächst das bewegliche Medium der Schrift: ein Telegramm
als Anagramm; zunächst als rätselhaftes Fragment seltsamer Kriminalfloskeln, Codewörtern
und semantischen Leerläufen:
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Epilog
„Dr. Loveley,
ein Telegramm für Sie.
Wurde vor einer guten Stunde
in Athen aufgegeben.“
DIE TAUBE IST IM BAUER
STOP IHR ERSCHEINEN
UNABDINGBAR STOP
VERSIEGELN SIE DEN RAUM
STOP DE DAUMIER-SMITH
Sehr geehrter Mr. de D.-S.,
mein Erscheinen nicht
möglich, da ich den Raum
von innen versiegelt.
Die Taube ist im Bauer,
und der Rest ist nur
Parfum.
Ihr, Dr. Loveley
ein Telegramm für Sie.
Wurde vor einer guten Stunde
in Athen aufgegeben.“
DIE TAUBE IST IM BAUER
STOP IHR ERSCHEINEN
UNABDINGBAR STOP
VERSIEGELN SIE DEN RAUM
STOP DE DAUMIER-SMITH
Sehr geehrter Mr. de D.-S.,
mein Erscheinen nicht
möglich, da ich den Raum
von innen versiegelt.
Die Taube ist im Bauer,
und der Rest ist nur
Parfum.
Ihr, Dr. Loveley
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Ein Telegramm aus dem fiktiven Raum: Salingers De Daumier Smith als Absender; eine
literarische Figur reicht herüber in den fotografischen Raum. In diesem intermedialen Diskurs
verdoppeln sich zugleich die Codierungen, Identität spaltet sich auf, die Zugehörigkeiten bleiben
unentschlüsselbar. Gibt es Dr. Loveley wirklich? Wenn ja, ist er in Gefahr? Warum empfängt er
Telegramme einer fiktiven Figur vom anderen Ende des Jahrhunderts? Der Betrachter versucht
Rückschlüsse aus den Bildern zu ziehen, doch Dorls Fotografien verweigern einen linearen
Zugang zu all diesen Fragen. Jeder konkreten Zuordnung von so verlässlichen Parametern wie
Zeit und Raum scheint sich Dr. Loveley (nehmen wir vorübergehend an, er ist es tatsächlich) zu
entziehen. Bei eingehender Betrachtung glauben wir immer wieder, eine zweite Person in den
Bildern sehen zu wollen, die uns Aufschluss gibt über Dr. Loveleys Zustand. Ist er auf der Flucht?
Wenn ja, vor wem? Je mehr wir Schrift und Bild (wie in jedem kommunikativen Vorgang, der uns
seltsam gestört erscheint) übereinander legen und letztendlich gegeneinander auszuspielen versuchen,
erscheint das Telegramm mehr und mehr als herbeiphantasiertes Heraustreten aus dem
geschlossenen Raum (Einschub: Aus dem Telegramm erfahren wir, dass der Raum von
Dr. Loveley versiegelt wurde. Anders als das Schloss, kann das Siegel, einmal aufgebrochen, nicht
wiederhergestellt werden, ohne Spuren zu hinterlassen). Deutet sich hier nicht sogar ein
Psychogramm Hitchcockscher Ausmaße zwischen Verfolgungswahn und Persönlichkeitsstörung an?
Entspinnt sich hier etwa ein unsichtbares Band zwischen zwei genialischen Irren: Dr. Loveley ruft
Kubricks Dr. Strangelove? Dorls Arbeit entpuppt sich als unentwirrbares Spiel um das Abstreifen
und Aneignen von Identitäten, metaphorisch verdichtet in hochgradig stilisierten Gesten, der
klassischen Modefotografie entlehnt. Doch die Zeichen sind nicht eindeutig, bleiben brüchig. Die
klaustrophobische Abgeschlossenheit des Raums, in dem sich Dr. Loveley seiner Transformation
unterzieht (oder nicht doch eher unterzogen wird?) lässt den Schluss zu, dass hier nicht nur
Identitäten vertauscht worden sind. Dr. Loveleys Blicke gegen ins Leere, seine zitathaften
Handlungen wirken seltsam unvollendet, nicht mal die ausgesuchte Garderobe gehorcht noch den
Spielregeln der modernen Welt. Die Krawatte verformt sich zur grotesken Form, wechselt sprunghaft
das Design. Eigenartig scheint das rosig zerfallene Licht in Dr. Loveleys Inkubationsraum: ist es die
ständig präsente Lichtreklame des Film noirs, die vorübergehende Aufhellung eines ansonsten im
Dunkel liegenden Raums, oder entspringt dieses verwaschene Licht, die Dr. Loveleys Gesten in ihrer
prätentiosen Dringlichkeit ins Bizarre verstärken, nicht doch einer ganz anderen Quelle jenseits aller
bekannter Realitäten? Die suggerierte Coolness zerfällt in leere Zeichen, die Gesten sind vergänglich,
der Raum der Wirklichkeit enthoben.
Eben nichts als Parfum. //
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Telegramm für Dr. Loveley